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am 21. September

NS-Lager Liebenau

- Nachdenkpause – Erforschung – Öffentliche Diskussion

Ein Teil der düstersten Geschichte von Graz ist nach wie vor nicht ausreichend erforscht, dokumentiert und an die Öffentlichkeit gebracht: die Verbrechen, die im NS-Lager Liebenau begangen wurden.

1940 wurde dieses Lager bestehend aus 190 Holzbaracken am Areal Grünanger errichtet und war das größte Zwangsarbeiterlager in Graz. Die meisten ZwangsarbeiterInnen kamen beim Steyr-Daimler-Puchwerk am gegenüberliegenden Murufer zum Einsatz. Im April 1945 war das NS-Lager Liebenau ein Teil jener Todesmaschinerie, durch die Juden und Jüdinnen aus Ungarn getrieben wurden. 5.000 bis 6.000 von ihnen wurden hier durchgeschleust, mussten bei großer Kälte im Freien ausharren, völlig unterversorgt und unterernährt. Wer krank oder schwach war, wurde erschossen.

Nach Kriegsende wurden 53 Leichen am Lagerareal exhumiert und die meisten von ihnen am israelitischen Friedhof in Graz beigesetzt. 4 Mitglieder des Lagerpersonals wurde wegen Kriegsverbrechen vor das britische Militärgericht gestellt, zwei von ihnen zum Tode, einer zu einer Haftstrafe verurteilt. Danach geriet das NS-Lager Liebenau völlig in Vergessenheit. 1992 wurden bei der Errichtung eines Kindergartens auf dem Gelände zwar Skelette gefunden, die Bauarbeiten jedoch einfach fortgesetzt. 

Erst im Zuge der geplanten oder schon laufenden Bautätigkeiten am Grünanger (Murkraftwerk, Umsiedlung Schrebergärten, geplanter Gemeindewohnbau, Jugendzentrum) erfuhr eine breitere Öffentlichkeit von der Existenz dieses Lagers und den dort begangenen Kriegsverbrechen. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst des Arztes Dr. Rainer Possert und des Sozialmedizinischen Zentrums Liebenau, das am Grünanger ein Stadtteilzentrum betreibt. Die Energie Steiermark reagierte auf die Kritik mit der Beziehung von ArchäologInnen und des Bundesdenkmalamtes und der Einrichtung einer „Taskforce“

DIE NOTWENDIGEN SCHRITTE

Was kann und muss man der Stadt abverlangen, um dem, was im NS-Lager Liebenau dort geschah und der Erinnerung daran gerecht zu werden? Die von Stadt und Energie Steiermark in Auftrag gegebene Studie von Barbara Stelzl-Marx lieferte wichtige Erkenntnisse über das Lager, doch bei weitem nicht alle Geschehnisse rund um das NS-Lager sind damit erforscht und dokumentiert. Allein wie viele Opfer am Areal in Bombenkratern verscharrt wurden, ist unklar, hier könnten nur entsprechende Grabungen Gewissheit bringen. 

Folgende vier Schritte sind aus Sicht der Grünen für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Überresten des Lagers Liebenau und seiner Geschichte erforderlich:

 

  • Eine sofortige Nachdenkpause und eine Verständigung auf breiter Basis über die nächsten erforderlichen Schritte
  • Offenlegung der bisherigen Grabungs- und Forschungsergebnisse und ein Einblick in die Kriterien, nach denen vorgegangen wird
  • Systematische Erforschung des Lagers im Gedenkjahr 2018. Dazu soll die Stadt dem Institut für Zeitgeschichte einen Forschungsauftrag erteilen. Im Herbst 2018 soll ein Zwischenbericht präsentiert und im Historischen Jahrbuch der Stadt publiziert werden. Weitere Grabungen bzw. Probebohrungen bei Bombentrichtern sollen Gewissheit darüber bringen, ob weitere Opfer im Areal begraben sind.
  • Parallel dazu soll die Stadt einen breiten Diskussionsprozess initiieren, in welcher Form wir der Gräueltaten des NS-Regimes vor Ort gedenken wollen. Wir Grüne wollen eine Gedenkstätte, die nicht von oben installiert wird, sondern an deren Entwicklung die Grazerinnen und Grazer insbesondere die AnrainerInnen am Grünanger aktiv teilhaben. Auch Organisationen und Initiativen, die sich seit vielen Jahren mit der Dokumentation und Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen (CLIO, Verein für Gedenkkultur, Arge Jugend gegen Gewalt und Rassismus, SMZ, rotor u.a.). Erst so wird Gedenkkultur zu einem lebendigen Prozess. 

In der Gemeinderatssitzung am 21.September soll der Neubau der Gemeindewohnungen am Grünanger beschlossen werden. Es ist kein Zufall, dass diese Neubauten ohne Unterkellerung geplant sind. Auch derStandard berichtet ausführlich darüber​. Unsere Gemeinderätin Manuela Wutte wird beantragen, dem Wegschauen und Zuschütten ein Ende zu setzen​ und endlich beim Umgang mit den Überresten des NS-Lagers und seiner Geschichte einen verantwortungsvollen Weg einzuschlagen, wie er hier in den 4 Punkten skizziert wurde. 

UPDATE: Leider haben ÖVP und FPÖ heute im Gemeinderat unseren Antrag auf eine intensive Beforschung des Areals am Grünanger sowie eine breite Diskussion über die Forschungsergebnisse und die Form des Gedenkens abgeschmettert.

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