gruene.at
Navigation:

Abänderungsantrag zu Gemeinderatsstück TO 59, „Neubauprogramm 2017/2018, Eigenneubau am Grünanger“

Gemeinderatssitzung am 21.09.2017

Abänderungsantrag eingebracht vom Gemeinderatsklub der Grünen – ALG​ durch GRin Manuela Wutte, MA

 

Grundsätzlich begrüßen wir die Errichtung von Gemeindewohnungen, weil es in Graz einen großen Mangel an leistbarem Wohnraum gibt. Dieses Projekt ist aber kein alltägliches, sollen die Gemeindewohnungen doch auf einem Areal neu errichtet werden, auf dem Kriegsverbrechen begangen wurden. Dass das geplante Bauprojekt auf dem Areal des NS-Lager Liebenaus errichtet werden soll, wird zwar in einem Satz im Stück erwähnt, auf die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, wird jedoch nicht eingegangen. Dass die Bebauung eines historisch so belastenden Gebietes große Relevanz hat, lässt sich nur in einem Hinweis im Stück erahnen, nämlich dass die Wohngebäude ohne Unterkellerung errichtet werden sollen.

Über Jahrzehnte wurde über das NS-Lager Liebenau und die dort begangenen Verbrechen der Mantel des Schweigens gebreitet. Obwohl bereits kurz nach Kriegsende 53 Leichen exhumiert wurden und ein britisches Militärgericht 1947 mehrere Personen wegen Kriegsverbrechen verurteilte, geriet das Lager danach beinahe in Vergessenheit. Erst als 1992 bei den Bauarbeiten für einen Kindergarten wieder Skelette gefunden wurden, entstand erneut öffentliches Interesse an dem Thema.

Wichtige Aspekte des Lagers Liebenau wurden in einer Forschungsarbeit von Barbara Stelzl-Marx 2012 beleuchtet. Die Arbeit setzt sich vor allem mit der Endphase des Lagers als Zwischenstation für Jüdinnen und Juden auf dem Todesmarsch nach Mauthausen auseinander. Die Verbrechen, die in der Frühphase des Lagers passierten, liegen teilweise noch im Dunkeln. So gibt es Hinweise auf Zwangsabtreibungen und medizinische Versuche. Unklar ist außerdem, wie viele Leichen sich noch in der Erde befinden. Durch die Auswertung von Luftaufnahmen der Airforce lassen sich Bombentrichter und Gräben, die später zugeschüttet wurden, relativ genau lokalisieren, sodass gezielte Grabungen durchaus Sinn machen würden.

Die jüngsten Bauarbeiten für das Jugendzentrum und das Murkraftwerk wurden zwar archäologisch begleitet; die Ergebnisse der Grabungen und auch die Kriterien, nach denen gearbeitet wurde, sind aber nach wie vor nicht öffentlich zugänglich.

Die zu beschließende Neubebauung de Grünangers bietet erneut Gelegenheit, dieses dunkle Kapitel der Grazer Geschichte systematisch und im wahrsten Sinne des Wortes auch „tiefgehend“ zu erforschen. Nach Abschluss der Grabungs- und Forschungsarbeiten kann das geplante Wohnprojekt trotzdem realisiert werden.

Auf die Forschung aufbauend soll es einen, auch vom Mauthausen-Komitee geforderten „Lern- und Gedenkort“ geben. Ein solcher Gedenkort sollte jedoch nicht „von oben“ installiert werden, sondern letztendlich Ergebnis eines Prozesses der Information, Diskussion und aktiven Teilhabe sein. Daher soll – und das Gedenkjahr 2018 bietet dazu einen guten Anlass – ein breiter partizipativer Prozess gestartet werden, an dem insbesondere die Bevölkerung vor Ort teilhaben sollte. Nur so kann Gedenkkultur zu einem lebendigen Prozess werden.

 

Ich stelle daher namens der Grünen – ALG folgenden

 

Abänderungsantrag

 

  • Die Stadt Graz vergibt im Zuge des Abrisses der bestehenden Gebäude Am Grünanger einen Forschungsauftrag zur systematischen Erforschung der Geschichte des NS-Lagers Liebenau inklusive systematischer Grabungsarbeiten am betreffenden Areal. Parallel dazu wird eine  breite Diskussion über die Forschungsergebnisse und die Form des Gedenkens geführt, in die insbesondere die ansässige Bevölkerung eingebunden wird.
  • Nach Abschluss der Forschungsarbeiten und unter Berücksichtigung dieser wird der Eigenbetrieb „Wohnen Graz“ mit der Durchführung der Errichtung von 13 städtischen Wohnhäusern auf den Liegenschaften EZ 701 bzw. EZ 1342, KG 63113, mit insgesamt 60 Wohneinheiten und einer Gesamtnutzfläche von ca. 3350 m2 NNFL mit den projektierten Gesamtkosten in der Höhe von rund € 5.450.000 beauftragt.
  • Der Eigenbetrieb „Wohnen Graz“ wird mit der erforderlichen Darlehens- und Baugirokontenaufnahme für dieses Projekt beauftragt.  

Mach die Welt grüner. Werde Mitglied - button.