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Fr, 30.07.2010

„Nur Grüne Politik ist in der Lage etwas zu verändern.“

Lisa Rücker im Interview mit Jörg Martin Willnauer

Willnauer: Die Grünen waren immer schon sehr “erfolgsorientiert”. Sollte es bei den Gemeinderatswahlen 2008 nicht für die “Pole Position” reichen und Siegfried Nagl wieder Bürgermeister werden, was würdest du ihm für seine Arbeit wärmstens empfehlen?

Rücker:Ich würde ihm raten, weniger Angst vor den Menschen zu haben. Ich wundere mich, wie man Oberhaupt einer Stadt sein und gleichzeitig so viele Berührungsängste haben kann. Ein Bürgermeister muss den Kontakt zu Menschen pflegen, egal welcher Herkunft oder Gesinnung sie sind.

Willnauer: Es hat ja in der Republik schon einmal den Fall gegeben, dass die drittstärkste Partei letztendlich Erste war. Wenn die Grünen mit dir als Spitzenkandidatin Dritte werden, erhebst du den Anspruch auf die Bürgermeisterin?

Rücker (lacht): Warum nicht? Das ist schon ein spannender Gedanke. Gegen einen scheinheiligen VP-Bürgermeister Nagl und einen farblosen SP-Bürgermeister Ferk ist eine Grüne Bürgermeisterin ein durchaus attraktives Angebot.

Willnauer: Es gibt den Spruch „Frau sein allein ist kein Programm“. Was genau würdest du in Graz anders machen?

Rücker: Es gibt Bereiche in Graz, wie z.B. die Verkehrspolitik, in denen seit Jahren nichts weitergeht, weil nur den Lobbys statt der Allgemeinheit gedient wird. Da gehört jemand her, der oder die das Heft in die Hand nimmt und steuert.

Willnauer: Mit welcher Partei würdest du denn am liebsten in eine Koalition gehen?

Rücker:
Nur mit denen, die mit unserer Programmatik leben können und den Mut haben eine echte Grüne Politik mit zu tragen. Wir werden uns bestimmt nicht verkaufen.

Willnauer: Viele wissen wahrscheinlich gar nicht, dass du zwar schon seit einem fünftel Jahrhundert in Graz lebst, aber eigentlich aus Salzburg kommst. Was hat dich nach Graz verschlagen?

Rücker: Für mich war Graz immer schon eine interessante Stadt, weil es hier ein sehr hohes Potenzial an Lebensqualität gibt. Die Stadt ist von der Größe her angenehm überschaubar und darf trotzdem Stadt sein – urban und familiär zugleich. Graz ist meine Traumstadt geblieben. Hier Politik zu machen ist für mich besonders schön, weil man im Alltag sehr nah an den Menschen ist, um die es ja geht.

Willnauer: Du hast einen vieldiskutierten Punkt nicht angesprochen: die Sicherheit. Wie geht es dir mit diesem Thema, auch als Frau?

Rücker: Natürlich muss man das subjektive Sicherheitsbedürfnis einzelner Menschen ernst nehmen, aber man kann eine Stadt auch unsicher reden und das ist vor Wahlkämpfen leider sehr beliebt. Graz ist eine im Vergleich sehr sichere Stadt. Ich lebe mitten in Gries und habe mich dort noch nie unsicher gefühlt. Mir persönlich ist Graz dahingehend zu unsicher, dass zu viele Autos unterwegs sind. Auch die soziale Sicherheit ist für mich ein großes Thema.

Willnauer: Viele Leute fragen sich, warum es sich jemand antut, in die Politik einzusteigen. Es ist eine extrem stressige Aufgabe, man steht auf der Abschussliste und die Lebensqualität leidet deutlich. Warum bist du in die Politik eingestiegen?

Rücker: Ich war immer schon politisch aktiv und möchte die Welt, in der ich lebe mitgestalten. Das ist zwar manchmal anstrengend, aber überwiegend auch befriedigend.

Willnauer: Was sagst du denjenigen, die glauben, eh nichts ändern zu können. Warum sollten sich die „Abstinenten“ für Politik interessieren?

Rücker (überlegt): Es ist wirklich schwierig den Menschen heute zu sagen, warum es Sinn macht sich in dieser Zeit politisch zu engagieren. Die Politik hat sich leider selbst schon viel zu oft für ohnmächtiger erklärt als sie es in Wahrheit ist. Ich sage immer: die Art und Weise, wie wir miteinander leben und mit unseren Ressourcen umgehen ist von Menschen gemacht und auch von uns Menschen veränderbar.

Willnauer: Und warum sollten diese Leute bei der nächsten Wahl Grün wählen?

Rücker:
Weil nur eine Grüne Politik in der Lage ist, etwas zu verändern. Sei es im Bereich der Wahrung der Menschenrechte oder sei es im Bereich der Lebensqualität in Form einer Verkehrspolitik mit weniger Autos und einer nachhaltigen Grünraumpolitik. Wir haben ganz klare Ziele und wissen, dass die nur umgesetzt werden können, indem Allgemeininteressen gewahrt werden, statt einzelne Lobbys zu bedienen.

Willnauer: Politik ist aber eine Frage der Prioritäten. Welchen Interessen würdest du den Vorrang geben, welche hinten anstellen?

Rücker: Man muss für jede Situation gesondert hinterfragen, was wichtiger ist bzw. inwieweit Einzelinteressen das Allgemeininteresse unterwandern. Derzeit stellen sich beispielsweise Investoren an, die in Graz Einkaufszentren errichten wollen. Bevor man entscheidet muss man wissen, was das für die Lebensqualität der BewohnerInnen bedeutet und welchen Bedarf es überhaupt gibt. Dann ist die Abwägung klar. Und da kann nicht immer im Vordergrund stehen, vor Investoren unhinterfragt in die Knie zu gehen.

Willnauer: Warst du schon einmal im Einkaufszentrum Seiersberg?

Rücker: Nein, das habe ich bis jetzt verweigert. Meinen Töchtern habe ich jetzt allerdings versprochen mit ihnen mit der Straßenbahn in den Murpark zu fahren. Der ist wenigstens öffentlich gut erschlossen.

Willnauer: Wie geht es dir als Mutter in Graz?

Rücker: Mir ist wichtig, dass meine Kinder sich in dieser Stadt so bewegen können, dass ich als Mutter nicht ständig mit ihnen durch die Gegend fahren muss. Familienfreundliche Politik bedeutet für uns Grüne auch, dass Kinder nicht nur auf den wenigen Spielplätzen und Schulhöfen aufgehoben sind, sondern sich möglichst frei und sicher in der Stadt bewegen können..

Willnauer: ... ab einem gewissen Alter der Kinder wird zumindest ein Elternteil häufig zum Taxichauffeur degradiert…

Rücker: … ja, und meistens trifft es die Frauen. Ich habe das Glück mit meinen Kindern direkt an der Straßenbahn zu wohnen. Ein attraktives öffentliches Verkehrsangebot und sichere Geh- und Radwege müssen allen StadtbewohnerInnen und besonders den Kindern zur Verfügung stehen.

Willnauer: Woran liegt es, dass die Grünen es im Vergleich zu anderen Parteien medial so schwer haben? Verkaufen sie sich schlecht?

Rücker: Wir sind keine Partei, die allein vom Marketing lebt. Wir haben im Gegenteil einen sehr differenzierten und zugleich ganzheitlichen Zu¬gang zu den Themen. Das erschwert natürlich auch die Kommunikation über die Medien. Unsere Botschaften auf das Wesentliche zu reduzieren ist eine Herausforderung, der wir im Laufe der Jahre aber gewachsen sind.

Willnauer: Ich verfolge die Geschichte der Grazer Grünen seit den Anfängen 1983. Schon damals haben sie einen Sitz im Stadtsenat haarscharf verfehlt. Was muss sich ändern, dass das diesmal gelingt?

Rücker: Wir werden glaubwürdig vermitteln, dass Graz nur mit den Grünen aus dem politischen Stillstand herausgeführt werden kann. Und ich bin überzeugt davon, dass die Grazerinnen und Grazer zu einer Trendumkehr bereit sind. Wir streben eine Stadt mit weniger Autos und mehr Lebensraum an. Eine Stadt, in der neben Arbeit, Hektik und Konsum auch noch Faktoren wie Erholung, Begegnung und Kultur Platz haben. Und wir stehen für eine Stadt, die ihrem Titel Menschenrechtsstadt wieder gerecht wird.

Willnauer: Wo sieht sich Lisa Rücker in 10 Jahren?

Rücker (schmunzelt): Als Bürgermeisterin von Graz natürlich. So wie ich die Stadt heute sehe, täte ihr das sicher gut.



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